Versprechen soll man halten
Sollte Politik die Sehnsucht nach unrealistischen Veränderungen befördern?
Ganz offensichtlich sind Wählerinnen und Wähler mit den Ergebnissen der Politik "etablierter Parteien" unzufrieden. Mit noch größeren Versprechungen versuchen Wahlkampagnen diese Wählerinnen und Wähler zu erreichen. Nicht nur "Wir holen uns unser Land zurück" (AfD) oder "Die Stadt gehört uns allen" (Linke) gehören dazu, auch "Unf*ck Berlin" (Volt) und andere Kampagnen. Aber je populistischer die Forderungen, desto schwerer sind sie umzusetzen.
Kampagnen sind das eine... Was aber passiert, wenn auf den Wunsch nach spürbaren Veränderungen Inhalte angekündigt werden, die im parlamentarischen Alltag gar nicht umsetzbar sind? Das Sondierungspapier von Linken, Grünen und SPD legt das Scheitern an einigen Stellen schon an.
- Der Einsatz für das aktive und passive Wahlrecht "für alle Menschen nach fünf Jahren Aufenthalt in Deutschland" wird versprochen (S. 22). Die Umsetzung dieser Forderung ist nicht nur landesrechtlich ausgeschlossen (eventuell mit Ausnahme der BVV, weil es sich nicht um ein richtiges Parlament handelt), da sie nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Das Bundesverfassungsgericht hat sich bereits damit befasst und dies ausgeschlossen (BVerfGE 83,37 und 83,60).
- Dias Sondierungspapier verspricht außerdem Landesaufnahmeprogramme (S. 22): "Wir werden Landesaufnahmeprogramme aufsetzen sowie ausgelaufene Aufnahmeprogramme wieder auflegen, die es Menschen in Not ermöglichen, sicher nach Berlin einzureisen". Landesaufnahmeprogramme bedürfen nach § 23 AufenthG allerdings eines Einvernehmens mit dem Bundesinnenminister. Wer glaubt ernsthaft, dass ein Minister Dobrindt hier einer von den Linken geführten Landesregierung helfen wird?
- Der Abschnitt zum Haushalt (S. 23f.) vermeidet den Hinweis auf erforderliche Kürzungen und vermittelt den Eindruck, eine verlangsamte Steigerung von Ausgaben werde ausreichen, um einen ausgeglichenen Haushalt irgendwann wieder zu erreichen. Die Verpflichtung, einen verfassungsgemäßen Haushalt vorzulegen und die Verschuldung dafür auf die erlaubten Sachverhalte Finanztransaktionskredite, Konjunkturausgleichskredite und die erlaubte Verschuldung in Höhe von 0,35% des BIP zu begrenzen. Damit kann man zwar große Teile des Finanzierungsdefizits von 5 Mrd. € ausgleichen, aber sicher nicht alles. Noch 1,5 Mrd. € sind zu konsolidieren, mehr Einnahmen von 400 Mio. € können nur ein Teil der Lösung sein.
- Und auch beim Thema Vergesellschaftung fehlt der Realismus: Will man erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik den Artikel 15 des Grundgesetzes nutzen, braucht man nicht nur den postulierten starken Willen, sondern auch gute Argumente, warum das Mittel der Vergesellschaftung zur Lösung der Probleme auf dem Berliner Wohnungsmarkt angemessen und verhältnismäßig ist. Gleichzeitig wird es im Ringen um die zu zahlende Entschädigung eng. Wie wird die gedeckelte Summe von 16 Mrd. € vor Gericht für ausreichend gehalten, wenn allein Vonovia den Verkehrswert seiner Berliner Wohnungen mit 23,5 Mrd. € angibt?
Eine Reihe von Formulierungen des Sondierungspapiers drückt also aus, was die Partei Die Linke ihren Anhängern gern versprechen wollte, aber vermutlich nicht halten kann. Ich finde es richtig, dass angesichts des Wahlergebnisses Koalitionsverhandlungen zwischen Linke, Grünen und SPD geführt werden. Schließlich war Die Linke eher als die massiv verlierende CDU die Wahlsiegerin. Die "Kenia-Koalition" konnte da nicht die erste Wahl sein. Das Ziel der Gespräche muss aber sein, den tatsächlichen Regierungswillen der Partei Die Linke zu erkennen. Dazu gehört, sich den Realitäten zu stellen und sie auch den eigenen Mitgliedern zu vermitteln. Das gibt das Sondierungspapier an den oben aufgeführten 4 Punkten noch nicht her.
Denn ist es wirklich gut, Dinge zu versprechen, die man nicht halten wird - nicht halten kann? Wenn Enttäuschungen vorgezeichnet sind, sollte eine Korrektur der politischen Ziele vorgezogen werden. Häufig haben Wählerinnen und Wähler durchaus realistische Vorstellungen, was sie von Politik erwarten dürfen und was nicht, zumal auf Landesebene mit deren eingeschränkten Möglichkeiten.
Versprechen soll man halten. Oder auf sie verzichten.







