von Martin Matz
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27. Mai 2023
Wenn es an die Analyse von Wahlen geht, ist der erste Reflex, auf die Beliebtheitswerte des Spitzenkandidaten oder der Spitzenkandidatin zu schauen oder auf gewünschte Koalitionen. Spitzenkandidaten oder auch auf Parteitagen gefasste inhaltliche Beschlüsse sind aber nur Bausteine für die wesentliche Kategorie: Trauen die Wählerinnen und Wähler einer Partei zu, die wichtigsten Probleme zu lösen. Dieser Wert und die einzelnen Kompetenzwerte für politische Themenfelder bestimmen darüber, ob die Partei Erfolgschancen bei einer Wahl hat. Die Spitzenkandidatur ist auch wichtig, hat aber eher die Funktion, die Problemlösungskompetenz über die Person zur Wählerschaft zu kommunizieren. Dafür müsse die wesentlichen Gesichter einer Partei zu ihren wichtigsten Themen und den dazu erarbeiteten Lösungen passen und diese authentisch verkörpern. Bei den Wahlen in Berlin und Bremen gab es viele Gemeinsamkeiten: Beides Stadtstaaten, beide mit historisch schlechten SPD-Ergebnissen bei der vorherigen Wahl, beide mit einer rotgrünroten Koalition, beide mit viel Diskussionen um Wohnungs-, Bildungs- und Verkehrspolitik. Die Senatskoalitionen hatten bei beiden Wahlen also mit teilweise problematischen Bilanz zu kämpfen, kandidierten aber vor dem Hintergrund einer strukturell eher linken Wählerschaft für ihre Wiederwahl. Wenn innerhalb weniger Wochen bei Landeswahlen die SPD in Berlin aus einer rotgrünroten Koalition heraus 3%-Punkte nach einem schlechten Wahlergebnis nochmal verliert und die SPD in Bremen aus einer rotgrünroten Koalition heraus 5%-Punkte gewinnt, dann liegt es nicht an der Koalition, sondern ganz klar an anderen Faktoren: Die Kompetenzwerte der SPD in Berlin sind gegenüber der letzten Wahl dramatisch gefallen (minus 10 auf 17%) Im weiteren versuche ich anhand der Verkehrspolitik zu erklären, was da unterschiedlich gelaufen ist. Nicht die verkehrspolitischen Diskussionen sind dabei grundsätzlich unterschiedlich - in Bremen wie auch in Berlin gab es messbare Unzufriedenheit mit grünen Verkehrssenatorin - auch über symbolische Aktionen. Was den Berlinern die Friedrichstraße im heißen Wahlkampf war, das übernahm in Bremen die "Brötchentaste" an den Parkautomaten. Die Emotionen kochten ähnlich hoch. Beim Thema Verkehr haben 29% der Berliner CDU die größte Kompetenz zugeordnet,den Grünen 22% - und der SPD nur 13%. Es war aber die SPD, die auf jedem dritten Plakat eine verkehrspolitische Forderung hatte, die nach dem 29€-Ticket nämlich. In Bremen dagegen ist der SPD-Kompetenzwert in der Verkehrspolitik um 8%-Punkte zur Vorwahl gestiegen und an den Grünen vorbeigezogen, ganz offensichtlich hat man der SPD zugetraut, grüne Verkehrspolitik zu korrigieren. Vielleicht auch deswegen, weil Andreas Bovenschulte dazu Position bezogen hat, sich auch von den Grünen abgesetzt hat, aber sich deswegen nicht von seiner eigenen Koalition insgesamt abgesetzt hat. Es war immer klar, dass die weiter gehen kann, aber mit mehr SPD und einer etwas anderen Umsetzung der Verkehrswende drin! In Bremen hat die Unzufriedenheit von Wählerinnen und Wähler mit den Grünen direkt zur Wahl der SPD mobilisiert, während diese Mobilisierung in Berlin an der SPD vorbei an die CDU ging. In Berlin dagegen der Eindruck: 29-Euro-Ticket, aber sonst kein Konzept dahinter. Und die Frage, ob die SPD eine SPD-geführte rotgrünrote Senatsregierung eigentlich wirklich will. Eigener Eindruck vieler in der SPD nach der Wahl: Man sei zwischen CDU und Grünen "zerrieben worden". Nach meiner Einschätzung hat man eher versäumt, die Kompetenz in den jeweiligen Themen (hier Verkehrspolitik) gut zu verkörpern und wirklich über eine plakative Forderung hinaus am tiefsten zu schürfen, Kompetenz zu beweisen und zu vermitteln. Das können wir besser! Warum habe ich diesen Vergleich beider Wahlen hier betrieben? Damit wir als SPD in Berlin aus dem schlechten Wahlergebnis lernen und für kommende Wahlen besser aufgestellt sind. Wesentliche Aspekte davon habe ich in meiner Rede auf dem Landesparteitag der SPD am 26.5.2023 vorgetragen.