Rotrotgrün oder Kenia oder Duldung?

Martin Matz • 26. September 2026

Muss die SPD direkt nach der Wahl eine Koalitionsentscheidung für Berlin treffen?

Vor wenigen Tagen hat Berlin gewählt. Da Regierungsmehrheiten ohne SPD und Grüne praktisch nicht möglich sind, wird von allen Seiten gefragt: "Was wollt Ihr? Rotrotgrün oder Kenia? Auch bei mir gehen viele Fragen und dringend formulierte Empfehlungen ein. Die einen sagen "Ihr werdet doch wohl mit Blick auf das Wahlergebnis mit der Partei Die Linke koalieren?" Die anderen sagen "Ihr werdet doch wohl mit Blick auf den Landesverband der Linken nicht etwa mit denen regieren wollen?". Und dann gibt es aus der Partei heraus noch eine weitere Gruppe, die nach einer Tolerierung einer Minderheitsregierung, ohne dass die SPD selber am Senat beteiligt wäre.


Bei mir kommen die Befürworter von "unbedingt mit den Linken regieren" und "auf gar keinen Fall mit den Linken regieren" etwa gleich zahlreich vor. Beidem kann man nicht gleichzeitig gerecht werden.


Aber ist es jetzt überhaupt die Aufgabe der SPD, in diesen Tagen nach der Wahl die Koalitionsfrage zu entscheiden?


Von mir ein klares Nein dazu!


Gesprächsangeboten zu Sondierungen zu folgen, ist normal. Wenn Die Linke als stärkste Partei der Wahlen vom 20.9.26 eine Koalition zu bilden versucht, dann sollte man die Sondierung darüber nicht verweigern. Die Frage, ob oder welche Koalition aber in Berlin zustande kommt, beantwortet sich später:


Nicht die Berliner Grünen, nicht die SPD sind jetzt gefragt, sondern zuallererst die Partei Die Linke selbst. Sie muss wissen und zeigen, ob sie wirklich regierungsfähig und regierungswillig ist. Sie wird nicht umhin kommen, eine Haltung zu den folgenden Themen zu entwickeln:


  1. Antisemitismus und Bündnisse mit der Berliner Plattform der Terrororganisationen Hamas und PFLP ("VPNK") - Hier ist klare Haltung gefragt, die man bisher nicht bei der Berliner Linken erkennen kann. Es geht nicht nur um Kontakte einzelner Parteimitglieder oder Abgeordneter, sondern auch um ein ständiges Bündnis zwischen der LAG Palästinasolidarität der Linkspartei und dem im Verfassungsschutzbericht erwähnten VPNK.
  2. Die Haltung der Linken zur Vergesellschaftung von Wohnungsbeständen und den Milliardenbelastungen durch Entschädigungszahlungen muss geklärt werden. Jahrelanger Stillstand durch gerichtliche Überprüfungen drohen und gefährden sowohl den Neubau als auch die Fokussierung auf andere Maßnahmen für den Schutz der Mieterinnen und Mieter.
  3. Bisher völlig unterschätzt wird der erforderliche realpolitische Umgang mit den Berliner Landesfinanzen. Aktuell klafft eine Milliardenlücke im Landeshaushalt, die Rücklagen sind aufgebraucht, Spielraum für neue teure Projekte aus dem Wahlprogramm der Linken ist nicht erkennbar. Findet die Linke einen realpolitischen Zugang zur Haushaltspolitik? Ungesteuerte Haushaltsdefizite verstärken nicht nur das Risiko verfassungswidriger Haushalte, sie blockieren über die Zinslasten auch den Spielraum für sozial- oder bildungspolitische Programme in 5 bis 10 Jahren.


Die Haltung zu diesen Themenkomplexen bestimmt letztlich über die Regierungsfähigkeit und den Regierungswillen der Linken in Berlin. Nicht wir sind jetzt am Zug, sondern sie! Erst dann stellen sich weitergehende Fragen.

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von Martin Matz • 1. Oktober 2025
Das hat lang gedauert. Vor vielen Jahren gab es die ersten Bemühungen in der Bezirksverordnetenversammlung, die Steglitzer Treitschkestraße umzubenennen. Der Politiker und Historiker Heinrich von Treitschke ist für den in der NS-Zeit weit verbreiteten Satz „Die Juden sind unser Unglück“ bekannt. https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Treitschke Ich bin nicht dafür, zu enge Maßstäbe an historische Straßennamen anzulegen, aber hier war ich immer für eine Umbenennung. Verschiedene Vorschläge waren über die lange Zeit im Gespräch: Ich war beispielsweise sehr offen dafür, Bischof Kurt Scharf hier mit einer Benennung zu ehren (die ev. Patmos-Gemeinde liegt auch an dieser Straße). Jetzt wurde mit Betty Katz auch eine gute Lösung gefunden. Sie war Direktorin des Jüdischen Blindenheims in Steglitz und wurde in Theresienstadt ermordet. Nun wird mit einem Straßennamen an sie erinnert. https://de.wikipedia.org/wiki/Betty_Katz Lange Zeit wurde eine Umbenennung von der CDU blockiert, zeitweise zusammen in einer Zählgemeinschaft mit den Grünen. Aber jetzt hat die Mehrheit in der BVV eine Umbenennung durchgesetzt. Die SPD hat viele jahrelang dafür gekämpft. Anwohnerinnen und Anwohner in der Straße können ihre Meldeadresse im Bürgeramt gebührenfrei neu eintragen lassen.
von Martin Matz • 6. Juli 2025
In dieser Woche wird das neue ASOG (Berliner Polizeirecht) dem Abgeordnetenhaus von Berlin vorgelegt. Was war der SPD wichtig daran? Die Überarbeitung des ASOG folgt diesen Grundsätzen: 1. Umsetzung Koalitionsvertrag 2. Umsetzung verfassungsrechtlicher Vorgaben durch mehrere Jahre Rechtsprechung des BVerfG, die im Gesetz zu berücksichtigen ist (vor allem Entscheidungen zum Datenschutz) 3. Konsequenzen aus technologischem Fortschritt (Beispiel Videoüberwachung: Nutzung neuer Möglichkeiten zur Aufmerksamkeitsunterstützung, aber auch Ausschluss automatisierter biometrischer Fernidentifizierung) 4. Veränderte Sicherheitslage und Erfahrungen aus Anschlagsserie führt zu dem Vorrang besserer Datenauswertung vor einer Ausweitung von Datenerhebung (Beispiel: Der Attentäter von Magdeburg konnte nicht durch die Videoüberwachung auf dem Weihnachtsmarkt gestoppt werden, durch eine Auswertung seines öffentlichen Social Media-Profils sowie seiner Polizeikontakte in mehreren Bundesländer evtl. schon) Wichtige Punkte aus SPD-Perspektive: 1. Entschiedenere Unterstützung bei häuslicher Gewalt (Opfer- und Tatverdächtigen-Kontaktdaten dürfen an Beratungsstellen übermittelt werden, Fallkonferenzen mit datenschutzkonformem Austausch, Verlängerung von Wegweisungen nach 14 Tagen um weitere 14 Tage möglich, elektronische Fußfessel nach dem spanischen Modell) 2. Racial Profiling – Das Verbot wird auf Gesetzesebene verankert und spielt dadurch u.a. eine größere Rolle bei der Polizeiausbildung. Gleichzeitig gegen den Willen der CDU durchgesetzte Begrenzung anlassloser Kontrollen (siehe unten) 3. Begrenzung anlassloser Kontrollen durch mehr Parlamentsrechte bei der Festsetzung von kriminalitätsbelasteten Orten („kbO“) und Waffenverbotszonen – beides wird durch Verordnungen festgelegt, Waffenverbotszonen mit 21 Tage Frist („Genehmigungsfiktion“). Auch kbO erfahren dadurch ein „Upgrade“, sie wurden bisher von der Innenverwaltung allein festgelegt. 4. Videoüberwachung kann an kbO künftig ergänzend eingesetzt werden (Koalitionsvertrag). Gegen den Vorschlag der Innenverwaltung gibt es aber keine Rechtsgrundlage für Videoüberwachung außerhalb von kbO (ungeachtet der Videoüberwachung nach Hausrecht, insbesondere im ÖPNV). 5. Künftig kann die Polizei Abgleiche z.B. von Personenfotos mit im Internet oder eigenen Datenbanken verfügbaren Informationen durchführen (haben Journalisten im Fall Klette erfolgreich angewendet, Polizei durfte das bisher nicht). Gleichzeitig schließen wir aber die biometrische Fernidentifizierung an Orten der Videoüberwachung aus, unter anderem um Bewegungsprofile auszuschließen. 6. Alle Bundesländer und der Bund haben sich darauf vereinbart, verfahrensübergreifende Recherche- und Analysesysteme einzuführen, um bereits vorhandene Daten besser auswerten zu können (siehe „Grundsätze“ Nr. 4). Das ASOG ermöglicht dies dann auch, in der Gesetzesbegründung haben wir allerdings deutlich hinterlegt, dass nur europäische Systeme zum Einsatz kommen dürfen. Das dient dazu, anders als süddeutsche Bundesländer keine Zusammenarbeit mit der Firma PALANTIR von Peter Thiel einzugehen. 7. Weder durch Datenanalyse mit Hilfe von KI noch durch die Software zur Aufmerksamkeitsunterstützung dürfen automatisierte Konsequenzen oder Handlungen erfolgen. Polizeiliche Handlungen dürfen nur durch Polizeivollzugskröfte ausgelöst werden. 8. Zwar führen wir Quellen-Telekommunikationsüberwachung und Onlinedurchsuchungen ein, begrenzen dies im Gefahrenabwehrrecht aber eindeutig (und in mehrfachen Formulierungsänderungen gegen die ursprünglichen Absichten von CDU und Innenverwaltung festgelegt) auf Terrorabwehr und Organisierte Kriminalität. Schon die QTKÜ nach Strafprozessordnung (die es schon mehrere Jahre gibt) wurde 2022 in Berlin nur 9mal beantragt und 4mal tatsächlich durchgeführt. Hier haben wir es mit einer sehr speziellen, selten anzuwendenden Regelung zu tun, vor der Unbeteiligte keine Sorgen haben müssen. Im Ergebnis modernisieren wir das ASOG, passen es an aktuelle Gegebenheiten und aktuelle Verfassungsrechtsprechung an, tun dies aber mit großer Umsicht und Präzision und mit Aufmerksamkeit für Bürgerrechte und parlamentarische Kontrolle. Sie wollen es genau wissen? Hier finden Sie den Entwurf im Volltext, aber Achtung, es sind 758 Seiten Text: https://www.parlament-berlin.de/ados/19/IIIPlen/vorgang/d19-2553.pdf
von Martin Matz • 1. November 2024
Nach dem Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 hat sich die Belastung der Polizei Berlin substanziell erhöht. Der zusätzliche Personaleinsatz für den Objektschutz und für die zahlreichen Versammlungslagen ist enorm. Die individuelle Belastung für Beamtinnen und Beamte im Polizeivollzug ist deutlich spürbar, eine Erhöhung der Erschwerniszulage Dienst zu ungünstigen Zeiten eine notwendige Maßnahme der Wertschätzung in dieser Situation – vor allem, da die Berliner Polizeikräfte bisher niedrigere Zulagen erhalten als die Bundespolizistinnen und -polizisten, die direkt neben ihnen Dienst tun. Wir können die Belastungssituation derzeit nicht substanziell verändern, aber die Politik tut gut daran, ihre Wertschätzung für die Arbeit der Polizei nicht nur durch warme Worte, sondern auch sehr konkret zum Ausdruck zu bringen. Ich habe daher Ende letzten Jahres die Initiative ergriffen und mit viel Unterstützung der SPD-Fraktion und dann auch des Koalitionspartners die Erhöhung der Stundenzuschläge für den so genannten Dienst zu ungünstigen Zeiten im Haushaltsgesetz verankern können. Der Senat setzt die Erhöhung jetzt mit der Vorlage des Besoldungs- und Versorgungsanpassungsgesetzes unter dem Vorbehalt der erneuten parlamentarischen Zustimmung um. Die Stundenzuschläge würden nachts 2025 mit 2,97€ statt bisher 1,87€ oder sonn- und feiertags mit 6,31€ statt 3,84€ deutlich erhöht sein. Für das Jahr 2024 gibt es eine Zwischenstufe, die rückwirkend zum 1.1. in Kraft treten soll. Die Kosten der Maßnahme hängen von der Zahl der zu vergütenden Stunden ab und werden 2025 voraussichtlich über 4 Mio. € für mehrere Millionen geleisteter Stunden betragen und vielen Vollzugskräften zugute kommen.
von Martin Matz • 5. September 2023
Seit dem Sommer wird verstärkt über die Sicherheit im Görlitzer Park diskutiert. Der Anlass war eine Vergewaltigungsstraftat im Park. Aber eigentlich wissen wir: Maßgeblich durch die schnelle Verbreitung von Crack-Abhängigkeit und der Ausweitung von Drogenhandel und -konsum im Park und in den anderen angrenzenden Kiezen wachsen die Probleme schon seit mehreren Jahren und erreichen 2023 einen neuen Höhepunkt.
von Martin Matz • 27. Mai 2023
Wenn es an die Analyse von Wahlen geht, ist der erste Reflex, auf die Beliebtheitswerte des Spitzenkandidaten oder der Spitzenkandidatin zu schauen oder auf gewünschte Koalitionen. Spitzenkandidaten oder auch auf Parteitagen gefasste inhaltliche Beschlüsse sind aber nur Bausteine für die wesentliche Kategorie: Trauen die Wählerinnen und Wähler einer Partei zu, die wichtigsten Probleme zu lösen. Dieser Wert und die einzelnen Kompetenzwerte für politische Themenfelder bestimmen darüber, ob die Partei Erfolgschancen bei einer Wahl hat. Die Spitzenkandidatur ist auch wichtig, hat aber eher die Funktion, die Problemlösungskompetenz über die Person zur Wählerschaft zu kommunizieren. Dafür müsse die wesentlichen Gesichter einer Partei zu ihren wichtigsten Themen und den dazu erarbeiteten Lösungen passen und diese authentisch verkörpern. Bei den Wahlen in Berlin und Bremen gab es viele Gemeinsamkeiten: Beides Stadtstaaten, beide mit historisch schlechten SPD-Ergebnissen bei der vorherigen Wahl, beide mit einer rotgrünroten Koalition, beide mit viel Diskussionen um Wohnungs-, Bildungs- und Verkehrspolitik. Die Senatskoalitionen hatten bei beiden Wahlen also mit teilweise problematischen Bilanz zu kämpfen, kandidierten aber vor dem Hintergrund einer strukturell eher linken Wählerschaft für ihre Wiederwahl. Wenn innerhalb weniger Wochen bei Landeswahlen die SPD in Berlin aus einer rotgrünroten Koalition heraus 3%-Punkte nach einem schlechten Wahlergebnis nochmal verliert und die SPD in Bremen aus einer rotgrünroten Koalition heraus 5%-Punkte gewinnt, dann liegt es nicht an der Koalition, sondern ganz klar an anderen Faktoren: Die Kompetenzwerte der SPD in Berlin sind gegenüber der letzten Wahl dramatisch gefallen (minus 10 auf 17%) Im weiteren versuche ich anhand der Verkehrspolitik zu erklären, was da unterschiedlich gelaufen ist. Nicht die verkehrspolitischen Diskussionen sind dabei grundsätzlich unterschiedlich - in Bremen wie auch in Berlin gab es messbare Unzufriedenheit mit grünen Verkehrssenatorin - auch über symbolische Aktionen. Was den Berlinern die Friedrichstraße im heißen Wahlkampf war, das übernahm in Bremen die "Brötchentaste" an den Parkautomaten. Die Emotionen kochten ähnlich hoch. Beim Thema Verkehr haben 29% der Berliner CDU die größte Kompetenz zugeordnet,den Grünen 22% - und der SPD nur 13%. Es war aber die SPD, die auf jedem dritten Plakat eine verkehrspolitische Forderung hatte, die nach dem 29€-Ticket nämlich. In Bremen dagegen ist der SPD-Kompetenzwert in der Verkehrspolitik um 8%-Punkte zur Vorwahl gestiegen und an den Grünen vorbeigezogen, ganz offensichtlich hat man der SPD zugetraut, grüne Verkehrspolitik zu korrigieren. Vielleicht auch deswegen, weil Andreas Bovenschulte dazu Position bezogen hat, sich auch von den Grünen abgesetzt hat, aber sich deswegen nicht von seiner eigenen Koalition insgesamt abgesetzt hat. Es war immer klar, dass die weiter gehen kann, aber mit mehr SPD und einer etwas anderen Umsetzung der Verkehrswende drin! In Bremen hat die Unzufriedenheit von Wählerinnen und Wähler mit den Grünen direkt zur Wahl der SPD mobilisiert, während diese Mobilisierung in Berlin an der SPD vorbei an die CDU ging. In Berlin dagegen der Eindruck: 29-Euro-Ticket, aber sonst kein Konzept dahinter. Und die Frage, ob die SPD eine SPD-geführte rotgrünrote Senatsregierung eigentlich wirklich will. Eigener Eindruck vieler in der SPD nach der Wahl: Man sei zwischen CDU und Grünen "zerrieben worden". Nach meiner Einschätzung hat man eher versäumt, die Kompetenz in den jeweiligen Themen (hier Verkehrspolitik) gut zu verkörpern und wirklich über eine plakative Forderung hinaus am tiefsten zu schürfen, Kompetenz zu beweisen und zu vermitteln. Das können wir besser! Warum habe ich diesen Vergleich beider Wahlen hier betrieben? Damit wir als SPD in Berlin aus dem schlechten Wahlergebnis lernen und für kommende Wahlen besser aufgestellt sind. Wesentliche Aspekte davon habe ich in meiner Rede auf dem Landesparteitag der SPD am 26.5.2023 vorgetragen.
von Martin Matz • 10. Mai 2023
12 Wochen nach der Abgeordnetenhauswahl - nach Koalitionsverhandlungen und Osterferien - können nun die Ausschüsse ihre Arbeit aufnehmen. Alle Fraktionen benannten ihre Ausschussmitglieder und fachpolitischen Sprecher. Ich werde in den kommenden Jahren als innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion arbeiten und weiterhin dem Hauptausschuss angehören. Am 1. Mai war ich vor Ort und habe mir die Situation angesehen. Kein Vergleich zu früheren Jahren: Überwiegend friedliche Demonstrationen und feiernde Menschen, wenig "Randale". Zwar kommt es leider immer noch zu Auseinandersetzungen, aber während 2009 noch 273 verletzte Polizistinnen und Polizisten registriert wurden, waren es jetzt noch neun. Immer noch neun zu viel, aber daher kann man vom friedlichsten 1. Mai seit 1987 sprechen. Je weniger von Gewalt die Rede ist, desto mehr könnte sich die Aufmerksamkeit auf die Botschaften der angemeldeten Versammlungen konzentrieren: Sowohl die Maidemonstration des Deutschen Gewerkschaftsbundes als auch andere hätten diese höhere Beachtung verdient. Auch eine Aktion wie "MyGruni", bei der satirisch überspitzt vom "Abbaggern von Kohle im Villenviertel" die Rede ist, kann ernsthafte politische Diskussionen anregen: Geht die Verteilung von Vermögen und Einkommen in Deutschland nicht immer weiter auseinander? Darüber lohnt die Debatte. Aber die Fokussierung auf Auseinandersetzungen mit der Polizei hat in den vergangenen Jahren zu sehr die anderen Versammlungen und ihre Themen verdrängt.
von Martin Matz • 20. Februar 2023
Die SPD hat bei der Wiederholungswahl in Berlin ein schlechtes Ergebnis bekommen und Mandate verloren. Das hat jede und jeder mitbekommen. Warum aber ziehen in Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg trotzdem vier statt drei SPD-Abgeordnete in das Parlament ein? Die Antwort ist in unserem Wahlsystem mit der Erst- und Zweitstimme, den Überhang- und Ausgleichsmandaten zu finden. Aber ist das auch gerecht? Bei der 2021er Wahl hatte die SPD beispielsweise 5 Mandate in Treptow-Köpenick und 3 in Steglitz-Zehlendorf bekommen. Die Zahl der Zweitstimmen war in Steglitz-Zehlendorf aber deutlich größer. Da aber 5 Wahlkreise im Berliner Südosten direkt gewonnen wurden, bekam die SPD dort zwei Sitze mehr, als ihr nach Zweitstimmen zugestanden hätten. War das gerecht? Schon, denn sonst hätten ja die direkt gewählten Treptow-Köpenicker ihre Mandate nicht bekommen. Bei der Wiederholungswahl gab es keine Überhangmandate der SPD mehr, da in ganz Berlin nur vier Sitze direkt gewonnen wurden. Die der SPD zustehende Mandatszahl spiegelte ausschließlich das Größenverhältnis der Zweitstimmen in den verschiedenen Bezirken wider. In Treptow-Köpenick, um bei dem Beispiel zu bleiben, wählten 23.445 Berlinerinnen und Berliner die SPD, in Steglitz-Zehlendorf waren es 30.595 und damit so viele, wie in keinem anderen Berliner Bezirk. Daher bekamen drei Treptow-Köpenicker Kandidierende der SPD ein Mandat, aber vier aus Steglitz-Zehlendorf. Ist das gerecht? Mit Sicherheit auch. Warum aber hat die SPD in Steglitz-Zehlendorf die meisten SPD-Zweitstimmen aller Bezirke, obwohl es letztes Mal nur für Platz 3 reichte? Ein Grund ist die Wahlbeteiligung: Berlinweit ging sie um 16,7 %, also rund ein Sechstel zurück. In meinem Wahlkreis "Steglitz-Zehlendorf 3" (Lichterfelde-West und Zehlendorf-Süd) war der Rückgang nur 11,1 %, also ein Neuntel der 2021 abgegebenen Stimmen. Ein weiterer Grund waren die geringeren Verluste der SPD im Südwesten - Zugewinne wären mir natürlich lieber gewesen. In Lichterfelde-West und Zehlendorf-Süd haben wir 1,8%-Punkte verloren, während es im Berliner Durchschnitt 3,0%-Punkte waren. Beide Effekte zusammen führten dazu, dass das vierte SPD-Mandat in Steglitz-Zehlendorf zustande kam und ich daher Lichterfelde-West und Zehlendorf-Süd im Abgeordnetenhaus vertreten kann.
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